Sascha Tominschek, Darno Scholl, Johannes Reß

Statements von Urbain N'Dakon

 

April 2014

Fühlst du dich wohl in Deutschland?

was ich als den größten Gewinn in meiner Begegnung mit Deutschland betrachte, ist, dass ich eine (künstlerische) Form gefunden habe, in einen Dialog auf Augenhöhe mit den Menschen hier einzutreten. Danach hatte ich einige Zeit regelrecht gehungert. Vor allem nachdem ich mich von dem Einfluss der sogenannten auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands befreien und mir ein eigenes Bild von Deutschland machen konnte. Solange ich als Germanist in der Elfenbeinküste arbeitete, konnte ich nicht erkennen, dass das Bild, das ich von Deutschland vermittelt bekommen hatte, eine fein säuberlich komponiertes Format war, das mit der Realität Deutschlands nichts zu tun hatte, wenn man diese mit afrikanischen Augen hätte betrachten dürfen. Ich hatte keinerlei Sprachprobleme, als ich nach Deutschland kam. Nur: Ich kannte Deutschland eigentlich nicht, und ich wusste nicht einmal, dass ich Deutschland nicht kannte. Ein Austausch mit deutschen Menschen auf Augenhöhe war für mich lange Zeit ziemlich schwierig. Die meisten Menschen, mit denen ich zu tun hatte, hatten keine Ahnung davon, dass Afrika vor langer Zeit auch „eine Hochkultur“ kannte. Eine, die eigentlich noch nicht ganz ausgestorben ist, sondern sich in bestimmten Ecken und Windungen der Seele der Menschen versteckt hält, um in Sicherheit zu leben.

Es war also am Anfang sehr schwierig, mich als Afrikaner – als Vertreter einer Kultur, die die deutsche auch befruchten kann – Gehör zu verschaffen, zumall ich hier weiterhin mit der Germanistik zu tun hatte, welche meinen Blick weg von Afrika lenkte. Was sollte ein Afrikaner einem Deutschen in Deutschland über Goethe schon sagen? Als ich aber dann meinen afrikanischen Blick auf die deutsche Realität werfen konnte und merkte, dass hier „auch nur mit Wasser gekocht wird“ und dass hierzulande auch massive menschliche Probleme bestehen, von denen manche in Afrika völlig unbekannt sind, fing mein Respekt vor den afrikanischen Kulturen an, zu wachsen. Ich habe sie dann mit großer Freude neu entdeckt und durfte sie als einen wichtigen Anker für meine Psyche erleben. Seitdem ich diese Musik spiele und meine Kenntnis der deutschen Sprache nutze, um afrikanisches Gedankengut mit universellem Anspruch zu vermitteln, seitdem ich das Gefühl habe, in Deutschland helfen zu können, weil meine Gedanken ankommen und den Menschen Freude, eine andere Wahrnehmung von Afrika - und manchmal von sich selbst - ermöglichen, fühle ich mich hier wohl und angekommen.

Juli 2013

Hat meine Musik mit Politik zu tun?

Die Musik, die ich pflege, hat starke spirituelle Akzente. Der Grund ist, dass ich die afrikanische Seele nur verstehen kann, wenn ich mich der Deutungsfolie "Spiritualität" bediene. Meine Lieder und Geschichten behandeln keine politischen Themen. Gleichwohl steht hinter meinem gesamten künstlerischen Schaffen eine klare politische Aussage. Jetzt, nachdem die Wissenschaft auf dem Konsens steht, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist, ziehe ich die politische Konsequenz daraus, dass Afrika den Respekt der ganzen Welt verdient. Die Wiege der Menschheit zu sein bedeutet wohl, dass dort der Prozess des Nachdenkens und des Aufbaus von Zivilisationen entstanden ist, bevor er überhaupt durch Wanderungen in andere Teile der Welt getragen wurde. Jeder Bewohner der Erde steht also, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Kultur und Religion in einer endlichen Ahnenkette, die, wenn wir sie lange genug zurückverfolgen, auf einen Menschen mit dunkler Hautfarbe stößt. Wenn diese Kette als Baum dargestellt werden sollte, müssten wir sagen, dass die jüngste Knospe am Ende jeden Astes verbunden ist mit jedem einzelnen Partikel der Wurzel, auch wenn dies mit bloßem Auge nicht sichtbar ist. Anders gesagt: schaut sich ein Deutscher, ein Italiener, ein Araber, ein Inder, ein Brasilianer, ein Chinese, ein Schwede oder ein Indonesier lange, lange, lange genug im Spiegel an, müsste er irgendwann in ein afrikanisches Gesicht blicken. Wie er darauf reagiert, kann man psychologisch deuten. Hat er Respekt vor Afrika, hat er Respekt vor sich selbst. Liebt er Afrika, liebt er sich selbst. Hasst er Afrika, hasst er nur sich selbst. Hat er Angst vor Afrika, hat er Angst vor sich selbst. Dieser letzte Fall, für manche Menschen das Natürlichste der Welt, ist eigentlich extrem psychopathologisch. Das ist mein politisches Statement und der Grund, warum ich in Deutschland eine Musik spiele, die Berührungsängste mit Afrika nicht erst aufkommen lassen will.

2012

Eine historische Chance, zusammen zu kommen

2012: Ein altes kapitalistisches System erlebt eine grundsätzliche Krise. Wörter wie "Umweltschutz", "Nachhaltigkeit", "green economy", "Selbstversorgung", "Bio", waren die Grundeigenschaften afrikanischen Denkens. Vor langer Zeit. Nur sie hießen und heissen immer noch ganz anders. Sie prägen nun das neue Beweustsein der Menschen weltweit. Auch, wenn das materialistische Denken weiter herrscht: Die Seele des westlichen Homo Economicus scheint sich unmerklich der Seele des alten Afrikaners zu nähern, die er eins so verteufelte, weil er sie nicht verstehen konnte. Der Respekt vor der Natur hatte wirkte noch tiefer als das, was sich heute "Umweltschutz" nennt. Gibt es endlich eine Chance, zusammenkommen? Uns darüber zu verständigen, dass ein Menschenleben nur dann wertvoll ist, wenn der Mensch der Natur all Ganzes mit mehr Respekt begegnet? Sehen wir es alle ein, dass menschliche Arbeit, wenn sie völlig entleert ist von Gedanken der sozialen Harmonie, des Teilens, des menschlichen Zusammenrückens ist, der Solidarität, nur Unheil produzieren kann? Das System, in das die alte afrikanische Seele einst gegen ihren Widerstand hineinezwängt wurde, dieses System scheint der afrikanischen Seele in diesen bewegten Zeiten Recht zu geben. Es gibt keine menschliche Entwicklung auf Kosten der Natur und keinen Fortschritt, der nicht auf Solidarität statt Konkurrenz baut. Wissen wir das? Merken wir, dass wir dadurch die Chance erhalten, zusammen zu kommen? Das wünsche ich mir, und das ist mein Gebet für den heutigen Tag.

 

2012

Weisheit aus Afrika? Wie ist das denn möglich?

Eine der verblüffendsten Fragen, die ich jemals nach einem Konzert gehört habe, warb sinngemäß: "Wenn man bedenkt, dass schwarze Menschen so lange versklavt wurden, zuerst von den Arabern, dann von den Europäern, was die afrikanische Kultur im Prinzip zerstört haben muss, wie kann man sich vorstellen, dass Afrika noch Weisheit besitzt?" Ich  habe mich  fast verschluckt...Aber die Frage ist berechtigt. Tatsächlich muss es einem wie ein Wunder vorkommen, wenn man daran denkt, dass allein in der Zeit des industrialisierten Menschenraubs und -handels durch die Europäer (mindestens 400 Jahre) der afrikanische Kontinent seiner besten Menschen beraubt wurde und nichts anderes mehr produzieren konnte, da er damit beschäftigt war, zu überleben, und wenn man sich weiterhin erinnert, dass anschließend die Zeit der Kolonialisierung kam, als man dann nun vor Ort das, was an Kultur übrig geblieben war, unter dem Vorwand der Zivilisierung methodisch und systematisch zu ersticken versuchte, ist es tatsächlich sehr erstaunlich, dass wir heute im 21. Jahrhundert auf diesem geschundenen Kontinent immer noch Spuren der alten afrikanischen Weisheiten vorfinden. Meine einzige Erklärung ist: Gott, der in Afrika die Wiege der Menschheit legte, muss auch dafür gesorgt haben, dass diese ersten Menschen und ihre Erinnerungskultur nicht gänzlich und so leicht verschwinden konnten, denn sonst würde die Menscheit die Anfangs-Matrix verlieren, aus der die Menschlichkeit überhaupt gestrickt werden konnte. Davon leite ich auch die große Verantwortung Afrikas ab: Die Menschheit immer wieder an die grundsätzlichen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens zu erinnern, auch auf die Gefahr hin, nicht ernst genommen zu werden denn:  wer nimmt heute noch Menschen ernst, die nicht nur in Kategorien des Geldes denken wollen? Doch wir wissen: Diese Prinzipien liegen jenseits des Materiellen und der Entwicklungsstatistiken. Und wir  haben nicht vergessen: Der Geist ist stärker als die Materie. Und die Quelle hat die Verantwortung, nicht zu versiegen, damit das Wasser auch weiter bestehen kann.

 

2011

Immer schneller . Kann der Mensch aus dem Hamsterrad aussteigen?

Die Zivilisation, die mit dem Wort "optimieren" das meint, was man auch mit "immer höher, immer schneller, immer besser, immer größer" umschreiben kann, die Zivilisation, die nur den Menschen ernst nimmt, der sich mit Leistung identifiziert: Tief in mir spüre ich, dass diese Zivilisation den Menschen krank macht. Es ist eine Zivilisation, die sich jedem Menschen auf dem Planeten als die einzig richtige verkauft und überall aufdrängt. Eine Zivilisation, die viel Licht und Feuer produziert. Seitdem ich verstanden habe, dass die Menschen dieses Licht nur zum Preis von viel gefährlichem Müll haben können, ist mir die Lust auf dieses zivilisatorische Licht vergangen. Licht, Urquelle des Lebens, nur gleichzeitig mit dessen unsauberen Beiprodukten genießen zu können, ist ein Armutszeugnis für diese Zivilisation. Kann man da aussteigen? Wir befinden uns doch alle auf diesem großen Wagen, der mit uns Achterbahn fährt, ob wir selbst lansamer sein wollen oder nicht. Ein Glück, dass es möglich ist, ein Bewußtsein dafür zu entwickeln und weiterzugeben. Dann kann man äußerlich Achterbahn fahren und trotzdem innerlich ruhig und besonnen bleiben. Spielerisch. Das Leben ist ein Festival? Ja. Wenn der Hamster  begreift, dass er sich auf einem Rad befindet, der sich im Kreis dreht, dann hat er den entscheidenden Schritt getan.

 

2010
Meine zwei Mütter
Meine leibliche Mutter ist die Elfenbeinküste. Ich habe aber auch eine Adoptivmutter, diese heißt Deutschland. Muttersprachen habe ich auch nicht nur eine: NZema, Französisch und Deutsch. Wenn es heißt: „Sing mal lieber in Deiner Muttersprache“, weiß ich nicht, was hier gemeint ist: „Und warum soll ich nicht auf Deutsch singen?“ „Na ja, afrikanische Musik klingt doch besser in afrikanischer Sprache“. „Afrikanischer Gesang in deutscher Sprache, ist das unerträglich?“ „Na ja, klingt einfach nicht gut“.  „Schade“, meine ich dann, dass ich meine beiden Mütter nicht miteinander bekannt machen soll. Ich bin immerhin in der glücklichen Lage, ein Adoptivkind zu sein, das sowohl seine leibliche als auch seine Adoptivmutter sehen darf. So besuche ich jedes Jahr gerne die Elfenbeinküste. Seitdem ich gesprochene deutsche Texte in den afrikanischen Gesang einfließen lasse, höre ich nicht mehr, dass die deutsche Sprache in der afrikanischen Musik nichts zu suchen hat. Es sieht sogar so aus, dass dadurch der afrikanische Gesang für deutsche Seelen einen Mehrwert erfährt. Und ich freue mich, meine beiden Mütter an jedem Konzertabend ganz eng bei mir zu haben, Seite an Seite. Ende gut, alles gut.

 

2009
Show-business
Ein Bekannter von mir sagte einmal zu mir: „Weißt Du, Urbain, Show Business ist ein sehr hartes Geschäft, ich weiß nicht, ob Du Dich dort durchsetzen kannst“. Ich war verblüfft, dies zu hören, weil ich mich nie als Teilnehmer des Show Business gesehen hatte. Meine Musik hat mit einer Show nicht im Geringsten etwas zu tun. Ich will dem Zuhörer nichts zeigen, ich versuche niemanden zu beeindrucken. Zu sehen gibt es bei mir nicht viel. Nur einen Teil meiner Person, zwei oder drei Instrumente und meine Stimme. Wenn es überhaupt etwas zu sehen gibt, dann höchstens die Bilder von Glück, die die Menschen mit sich selbst herumtragen. Oft sind diese Bilder von Glück – davon gibt es ja im Laufe eines Lebens sehr viele – unter den Bedingungen des Alltagsstress nicht mehr bewusst, sie werden leicht verschüttet. Mir kommt es darauf an, dass jeder, der zu meinem Konzert kommt, durch die Berührung mit meiner Musik seine eigenen, individuellen und sehr subjektiven Bilder von Glück und Freude aktivieren kann. Die Musik soll ihn tief berühren und ihm einen kleinen Weg dazu öffnen. Wenn er seine Bilder hat, soll er sie betrachten, sich daran erfreuen und ich begleite ihn dabei mit meiner Musik. Das ist das einzige, was es zu sehen gibt, sonst nichts. Der Zuhörer zeigt sich selbst seine Bilder.

 

2009
Konkurrenzkampf
Ich führe keinen Konkurrenzkampf. Die harte alltägliche Verhandlung mit meinem inneren Gegner, der mich immer wieder nach unten ziehen will, ist Kampf genug und braucht meine ganze Achtsamkeit, meine Konzentration, meine Energie. Gegen ihn muss ich mich mit dem anderen Teil von mir immer durchsetzen und den Kopf hochhalten, damit ich der bleiben kann, der ich bin. Und es ist ein alltäglicher Kampf. Woher soll ich noch weitere Energie nehmen für einen Konkurrenzkampf gegen andere Menschen da draußen? Ich denke, man muss sich für das eine oder das andere entscheiden. Beides geht nicht. Wenn ich aber im Inneren erfolgreich bin, kann ich keine Konkurrenz von außen fürchten.

 

2008
Langweilen im Konzert
In meinem Konzert dürfen die Zuhörer die Augen schließen, um sich ihre eigenen Bilder anzuzeigen. Sie dürfen auch ruhig einschlafen, wenn ihnen danach ist. Bei der ruhigen und entspannenden Musik wäre es nicht erstaunlich und das wäre für mich nicht enttäuschend, im Gegenteil. Ich werte es als ein Zeichen, dass die Zuhörer sich tatsächlich wohl fühlen und sich in den Sog der Musik fallen lassen können. Und das ist mein Ziel. Man kann nur da einschlafen, wo man sich wohl fühlt. Unabhängig davon, wie müde ein Mensch ist: Er kann nicht da einschlafen, wo er sich in irgendeiner Art und Weise bedroht fühlt.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

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